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Musik |
| Die Uhr tropft, |
| tropft nicht mehr. |
| Die Zeit fließt, |
| fließt befreit. |
| Sie quellt, |
| plätschert, |
| strömt, ... |
| Der Ton verklingt. |
| Die Zeit versickert. |
| Die Uhr tropft, |
| tropft, |
| tropft, ... |
Vor
mir liegt ein Bleistift. Ich will
schreiben. Ich will den Bleistift greifen. Ich habe ihn gegriffen. Ich halte den
Bleistift in der Hand. Ich will schreiben. Ich will den Bleistift ansetzen. Ich
habe ihn angesetzt. Ich will das Wort „Zeit“ schreiben. Ich habe es
geschrieben. ...
Beobachtet
man sich bei seinen alltäglichen Handlungen, so kann man feststellen, dass
unser Bewusstsein in der Regel immer zwischen zwei Momenten springt: Dem Moment,
wo innerlich ein Handlungsimpuls entstanden ist und dem Moment, wo wir die
Handlung ausgeführt haben. Den Prozess der Handlung begleiten wir normalerweise
nicht. Erst die Rückwirkung der vollbrachten Handlung wird wieder bewusst
registriert. Man kann dies bei sich ganz gut beobachten, wenn man versucht
alltägliche Handlungen wie zum Beispiel Schreiben in dieser Weise
mitzuverfolgen. Dabei wird man aber auch schnell merken, das das Springen des
Bewusstseins von Handlungsimpuls und Handlungsrückwirkung natürlich in einem
unteren Bewusstsein stattfindet, so dass es immer eine besondere Situation ist, wenn
man versucht die Handlungsbewegung in irgendeiner Weise zu verfolgen. Wäre
dieser Bewusstseinsvorgang nicht automatisiert würde uns wahrscheinlich jede
Handlung unglaublich viel Konzentration abverlangen. Versucht man nun den
Handlungsprozess, die Bewegung als Prozess zu verfolgen, so kann merken, wie die
Bewegung einen ganz eigenartigen Charakter bekommt. Nicht zuletzt, weil wir sie
zwangsläufig werden verlangsamen müssen aber auch, weil sie ein Stück weit
ihre Zielorientierung verliert. Für den Alltag, das wird man schnell
feststellen, ist solch eine Art der Bewegung höchst unökonomisch und abwegig. Interessant ist diese Tatsache aber dennoch, denn sie
bedeutet im Grunde, dass wir im Alltäglichen eigentlich kein echtes bzw.
lediglich ein punktuelles Zeitbewusstsein haben, denn der Bewegungsprozess, das
Element was sich in der Dimension Zeit abspielt, liegt eigentlich außerhalb
unseres Bewusstseins. Und selbst wenn wir unseren Bewegungsprozess versuchen zu
beobachten neigen wir nicht ausschließlich aber oft dazu ihn als Mosaik vieler
kleiner Momenten und nicht als Ganzes wahrzunehmen.
Ganz
anders ist dies in der Kunst und insbesondere der Bewegungskunst. Hier ist die
Bewegung und dadurch auch die Handlung losgelöst von unserer alltäglichen
Zweckorientierung, so dass sich die Zeit in unserer Wahrnehmung hier ganz anders,
nämlich als fließender Prozess entfalten kann. Künstlerische Bewegung ist
immer Prozessbewegung, denn ist sie nicht mehr im Prozess, ist sie auch keine
Bewegung mehr. Ganz besonders gilt dies für die Eurythmie, die sich als ein
Kunst der lebendigen Bewegung entwickelt hat. Und was kann lebendig anderes als
heißen als prozesshaft, denn auch für das Lebendige gilt, ohne Prozess auch
keine Existenz. Andere Bewegungskünste arbeiten selbstverständlich auch mit der
lebendigen Bewegung, nur gibt es unter ihnen durchaus einige die etwas mehr zur
Form oder Position neigen, als zur lebendigen Bewegung. Das ganz besondere
hierbei ist der Umgang mit dem Wille. Denn dadurch, das die Handlung eine
prozessorientierte ist, wird auch der Wille zwangsläufig auf den Prozess
gerichtet und von seiner sonst so verfestigten Zielorientierung befreit.
Dies
alles gilt in gewisser Weise auch für die andere große Zeitkunst: die Musik.
Denn die Musik richtet unser Ohr und unsere Empfindung auch auf den Prozess.
Hier ist es der Prozess akustischer Signale. Wie die künstlerische
Bewegung, steht auch die Musik niemals, sondern befindet sich stets im
Übergang, in Fließen vom einem zum anderen. Denn man muss erkennen das Musik
ihrem Wesen nach zunächst nicht der Ton selbst sondern der Übergang vom einen Ton zum nächsten
ist. Und selbst der einzelne Ton klingt beständig, ist immer im Übergang, im
Prozess und dass gerade ist dann auch das Musikalische im einzelnen Ton. Ganz
besonders ist der prozesshafte Charakter von Musik zu erleben, in jenem
magischen Moment, wenn der letzte Ton verklungen ist und diese besondere Stille
eintritt. Denn hier kann man erleben, wie das Ohr und über dieses die
Empfindung noch ganz im Prozess lebt und in die Stille hineinlauscht, bevor der
ganze Mensch sich wieder auf die punktuelle Alltagswahrnehmung einstellt. Würden
wir Musik mit einer punktuellen Zeitwahrnehmung hören, so würden wir nur
einzelne akustische Signale wahrnehmen, denn Musik entsteht eben erst im
Prozess, im fließen vom einen zum anderen.
So kann man sagen, dass durch die Zeitkunst unser Bewusstsein von Zeit sich vollkommen wandeln kann. Denn ist man mit seiner Zeitwahrnehmung erst im Prozess, so kann man eigentlich auch gar nicht mehr von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprechen. Das ist dann alles eins geworden, zusammengefasst im Prozess zu einem Ganzen, zu einem großen Augenblick. Vor diesem Hintergrund sei auf das Antike Griechentum verwiesen, die neben Chronos, dem Gott der messbaren Zeit, auch Kairos, den Gott des erfüllten Augenblicks oder, wie ich sagen würde, der fließenden Zeit, verehrten.
Berlin, 29. 04. 2009
Jakob M. von Verschuer